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Kluge Pflanzen. Buch plus DVD.
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Volker Arzt.
Kluge Pflanzen. Wie sie locken und lügen, sich warnen und wehren und Hilfe holen bei Gefahr!
2009. 288 Seiten, durchgehend farbig mit DVD.
Pflanzen sind mehr, als Design-Elemente für den Garten:
Volker Arzt erzählt von Pflanzen, die sich zielstrebig bewegen, durch süße Verführung von Kurieren oder durch explosive Eruptionen ihre Fortpflanzung sichern, sich Wachdienste halten, Konkurrenten mit Gift und Feuer bekämpfen. Der Autor zeigt: Pflanzen sehen und tasten, riechen, schmecken und übermitteln Botschaften. Sie erinnern sich, treffen Entscheidungen und verfolgen Strategien - daran lassen die Experimente und Feldstudien keinen Zweifel. Und wie wir, setzen Pflanzen sogar elektrische Signale und Hormone ein, um auf Berührungen oder Verletzungen zu reagieren. »Kluge Pflanzen« - das Buch zur gleichnamigen TV-Dokumentation.
Inhaltsverzeichnis:
KAPITEL 1
Orientierung: Die Schwerkraft weist den Weg
KAPITEL 2
Ernährung: Insekten als Zwischengericht
KAPITEL 3
Verteidigung: Tierische Bewacher
KAPITEL 4
Selbstschutz: Eine Dosis Gift
KAPITEL 5
Verbündete: Hilferufe in der Wüste
KAPITEL 6
Supersinne: Ein Leben in zwei Welten
KAPITEL 7
Fortpflanzung: Sex auf Distanz
Leseprobe: Bitte nach ganz unten scrollen.

Rezensionen:
Der populäre Wissenschaftsjournalist eröffnet eine neue Sicht auf die Pflanzen und ihre verblüffenden Fähigkeiten. "Spannender, witziger und verständlicher kann man seriöse Wissenschaft nicht an den Leser bringen."
WDR 5, Leonardo
"Wer sich bislang für Blume und Busch wenig interessierte - "Kluge Pflanzen" hat echte missionarische Qualitäten."
Susanne Billig, Deutschlandradio Kultur
"Ich habe selten ein Buch so gerne gelesen, wie das von Volker Arzt."
Hubertus Meier-Burkhardt in der NDR-Talkshow
Autor:
Volker Arzt, geboren 1941, ist Diplomphysiker, erfolgreicher Wissenschaftsjournalist und Autor. Er moderierte u.a. die ZDF-Reihe »Querschnitte« (mit Hoimar von Ditfurth), wurde bekannt mit dem Bestseller »Haben Tiere ein Bewusstsein?« (zusammen mit Immanuel Birmelin) und erhielt zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen.


Leseprobe:
KAPITEL 1
Orientierung: Die Schwerkraft weist den Weg
Kluge Pflanzen bei Tisch
»La Mirabelle« in der Bundesstraße gilt als Geheimtipp. Französische Küche zu passablen Preisen. Pierre Moissonnier empfängt seine Gäste persönlich. Die weiße, in Doppelreihe geknöpfte Jacke signalisiert den Küchenchef; die Jeans darunter stellen klar, dass es hier trotz Cuisine francaise bodenständig zugeht - ohne das Brimborium eines abgehobenen Nobelrestaurants. Wir sind willkommen, werden trotz unserer nur seltenen Besuche wie Stammgäste begrüßt - und so fühlen wir uns
auch. Jedes Mal nach einer Filmabnahme in Hamburg zieht es uns ins »Mirabelle«. Eine Art Abschlussritual für unsere Tierdokumentationen. Fast zwei Jahre haben wir an einem Film über »Kluge Vögel« gearbeitet, haben über Drehbüchern gebrütet,
uns an Höhenflügen berauscht, gegen Abstürze gekämpft. Jetzt braucht es ein deutliches Zeichen für das Ende der Produktion. Monsi€ Moissonnier soll es richten. Für Dieter Kaiser, Leiter der Tierfilmredaktion des WDR, ist ein gepflegtes Mahl mit seinen Filmemachern mehr als nur leiblicher Genuss. Es bildet den Abschluss eines gemeinsam durchstandenen Abenteuers (angesichts all der Zufälle und Überraschungen, die Tierfilme immer zum Wagnis machen).
Und es bietet den Nährboden für zukünftige Projekte. Nach dem Film ist vor dem Film - so könnte das heimliche Motto unserer Zusammenkunft lauten. Mit den ersten Getränken und Vorspeisen dürfen denn auch Visionen und Wunschprojekte
auf den Tisch - verschrobene, utopische, manchmal auch vernünftige. Nichts ist tabu. Fast nichts. Jeder weiß, oder hat es lernen müssen, wie ich, dass Dieter Kaiser keine unappetitlichen Themen duldet. Nicht beim Essen und schon gar nicht
im »Mirabelle«. Für ihn ist eine gediegene Mahlzeit auch ein ästhetisches Ereignis, zu dem eklige Bilder genauso wenig passen wie ein verschwitztes Hemd. Selbstverständlich hat er sich umgezogen für den Restaurantbesuch: weißes Hemd, kariertes Designersakko, unauffällig, aber von feiner Qualität, die man erst auf den zweiten Blick bemerkt. Was mir als Wunschthema vorschwebe, fragt Dieter noch während der Vorspeise, wenn sich zufälligerweise die Gelegenheit ... ihr wisst ja, ich habe kein Geld, der WDR ist arm ... aber erst mal Prost, mein Arzt hat mir gesagt, ich soll drei Liter täglich trinken ... Es folgt ein Toast auf die gemeinsame Arbeit. Ein wirklich guter Tropfen, den Monsi€ Moissonnier da
empfohlen hat. Ich höre, wendet sich Dieter mir wieder zu, und plötzlich finde ich unser Essen nicht mehr so entspannt. Eine Situation von früher drängt sich überdeutlich auf. Damals hatte ich beim Abendessen ein Filmprojekt über Symbiose angeboten und als Beispiel die Arbeit unserer symbiontischen Darmbakterien angeführt. Dieter Kaiser hatte nur angewidert das Gesicht verzogen: Darmbakterien. Igitt! Zwei Worte, die meinen Vorschlag vom Tisch fegten. Das Symbiosethema war erledigt. Definitiv. Um jetzt etwas Zeit zu gewinnen, nehme ich noch einen Schluck - lasse es so aussehen, als könne kein Themenvorschlag mit diesem köstlichen Wein konkurrieren. Ich höre immer noch, drängt Dieter flapsig aufmunternd. Und so spreche ich es aus, das Unwort, das gegen die Grundregeln des Natur-und Tierfilms verstößt: Pflanzen. Ich würde gerne einen Film über Pflanzen machen. Lauter Profis am Tisch. Lauter gestandene Tierfilmer. Jeder weiß es oder hat es oft genug hören müssen, dass bestimmte Themen im Naturfilm einfach »nicht gehen«. Filme über Insekten zum Beispiel. Die haben regelmäßig schlechte Zuschauerquoten. Selbst Filme über Fische oder Korallen gelten als problematisch. Hauptdarsteller im Tierfilm haben möglichst groß und erhaben zu sein, wie Löwen und Elefanten. Sie sollen Mimik zeigen oder zumindest kuschelig sein wie Koalas oder Eisbärbabys. Und jetzt: Pflanzen. Pflanzen, die nicht einmal krabbeln oder fliegen können. Von einem Gesichtsausdruck ganz zu schweigen. Niemand sagt etwas, aber mir ist, als mische sich ein Hauch von Peinlichkeit in die bis dahin so gute Atmosphäre im »Mirabelle« - als hätte ich einen Witz erzählt und die Pointe vermurkst.
Dieter schiebt ein Blättchen Salat in den Mund und sagt nur: Und was sollen die Pflanzen tun? Immerhin, meine Pflanzen scheinen sich länger zu halten als die Darmbakterien seinerzeit. Ich erwähne einen Fachartikel mit der Überschrift:
»Plants like us« - Pflanzen wie wir. Das treffe die Situation. Pflanzen seien ähnlich dran wie wir. Sie müssten Partner finden, Gefahren abwehren, Konkurrenten klein halten usw. Ernähren müssten sie sich selbstverständlich auch. Ernähren! -
Ich hätte mich auf die Zunge beißen mögen. Genau das wollte ich vermeiden: eine profane Verbindung zu unserem Abendmahl herzustellen. Bevor ich den Faden wieder aufnehmen kann, werden, von Ohs und Ahs begleitet, unsere Menüs serviert.
Dumm gelaufen. Dieter, jetzt ganz Kaiser, räuspert sich und schaut vielsagend in die Runde: Ich lege Wert auf die Feststellung, dass ich die Nahrungsaufnahme der Pflanzen im Vergleich zu der unseren als höchst langweilig einstufe. Guten Appetit.
Der eloquente Einwand ruft lautes Gelächter hervor. Ich höre mich mitlachen - obwohl mir nicht zum Lachen ist. Warum nur habe ich die Pflanzen auf den Tisch gebracht? Dieter greift zu Messer und Gabel, blickt nochmals auf und vergewissert
sich, dass alle zuhören: »Kluge Pflanzen. Das machen wir. Bis wann könnt ihr liefern?« Es wurde ein wunderschöner Abend im »Mirabelle«. Das Restaurant hat seinem Namen Ehre gemacht. Was die Zwiebel im Kühlschrank spürt Ahnungslos öffne ich den Kühlschrank und entdecke sie - auf der Seite liegend. Sie ist verändert. Kaum wiederzuerkennen. Und ich zögere, sie zu berühren. Es ist nicht das erste Mal, dass ich eine Zwiebel im Ge müsefach vergessen habe und dass sie anfängt zu keimen, aber diesmal sehe ich sie mit anderen Augen. Das genehmigte Filmprojekt hat meine Sichtweise verändert - als hätten »Die klugen Pflanzen« die Kontrolle in meinem Kopf übernommen. Sie bewerten und selektieren: Was zu diesem Thema gehört, wird bevorzugt wahrgenommen und beschleunigt durch das Netz von Neuronen und Synapsen geleitet - grüne Welle für die Pflanzen. Meine vergessene Zwiebel streckt mir ein Bündel weißblasser Arme entgegen. Nur am äußersten Ende zeigen sie einen Anflug von Grün. Jung und zart schieben sie sich aus dem Zwiebelgehäuse - erst seitlich, dann in entschiedenem Schwung nach oben. Und eben das sticht mir ins Auge: Die Zwiebelsprosse sind um die Kurve gewachsen, haben einen Haken nach oben geschlagen - himmelwärts. »Sie recken sich zum Licht!«, schießt es mir durch den Kopf. Und im nächsten Augenblick merke ich den Widersinn: Es gab kein Licht, nach dem sie sich hätten recken können; die Triebe sind in dunkler Nacht erwacht und gewachsen. Ihren Bedarf an Nährstoffen und Energie haben sie aus dem eigenen Zwiebelkörper geholt - selbst das Wasser hat er geliefert. Entsprechend schlapp und ausgelaugt liegt er jetzt da: Die braunen Schalen sind ein paar Nummern zu groß geworden. Irgendwie haben die jungen Zwiebelsprosse gespürt, wo oben ist - selbst im kalten, dunklen Gemüsefach. Aber wie? Wie finden Pflanzen ihren Weg nach oben? Bäume am Steilhang zum Beispiel? Warum wachsen sie nicht im rechten Winkel aus dem Boden - so wie Kinder ihre ersten Schornsteine aufs schräge Dach zeichnen? Stattdessen richten sie ihren Stamm an der Schwerkraft aus - als hätten auch sie, wie die Kaminbauer, ein Lot zur Verfügung. Ein ähnliches Gespür für Gravitation besitzen die Wurzeln. Sie schlagen bekanntlich den Wachstumsweg nach unten ein - die einen senkrechter, die anderen flacher, aber stets gezielt und gesteuert. So auch meine Küchenzwiebel. Ich habe sie - nachdem sie so zielstrebig ihrer kulinarischen Bestimmung entwachsen war - angemessen befördert und ihr eine neue Stelle angeboten: im Gartenbeet. Zum Wurzelschlagen in die feuchte Tiefe - für die Zeit danach, wenn der Eigenvorrat an Wasser und Nährstoffen aufgebraucht ist. Die Tatsache, dass Stängel in die Höhe und Wurzeln in die Tiefe wachsen, ist so gewöhnlich und erscheint uns so banal, dass allenfalls noch Kinder darüber staunen. Und Wissenschaftler.
Auch Wissenschaftler wundern sich nach wie vor über den Schweresinn der Pflanzen, und bis heute macht er ihnen gehöriges Kopfzerbrechen (Abb. 1). Mit Statolithen im Lot Vor über hundert Jahren entdeckten Botaniker kleine Stärkekörnchen,
sogenannte Statolithen, in bestimmten Zellen der Wurzelspitze. Unter dem Mikroskop waren sie in dünn....
Art.-Nr.: 802032